Interview mit Dr. Rainer Wohlfarth

„Wir wollen zeigen, was der Einsatz von Tieren ermöglichen kann“

Der Psychologe Dr. Rainer Wohlfarth über Tiere als Hilfslehrer und Co-Therapeuten, seine ausgebuchte Tagung in Freiburg und die beruhigende Wirkung einer Hundepfote
 
Bremen, 18. September 2013 - Tiergestützte Therapien sind ein bundesweiter Trend. Das zeigt auch der Andrang auf den bundesweit größten Kongress in diesem Bereich am 20. und 21. September 2013 an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Die Tagung „Tiergestützte Therapie und Pädagogik – Innovation in Forschung und Praxis“ ist seit Wochen ausgebucht. Ein Gespräch mit dem Initiator und Tagungsleiter Dr. Rainer Wohlfarth über das Interesse am Einsatz von Tieren zum Wohle der Gesellschaft.
 
Ihre Tagung in Freiburg ist seit Juli ausgebucht. Über 100 Interessierte stehen auf der Warteliste. Wie erklären Sie sich diesen Andrang?
 
Dr. Rainer Wohlfarth: Die Einbindung von Tieren in therapeutische und pädagogische Konzepte wird immer mehr nachgefragt. Das ist sicherlich dadurch erklärbar, dass die Praktiker in ihrem Alltag erleben, dass Tiere hervorragende Co-Therapeuten und Co-Pädagogen sein können. Gleichzeitig ist die  positive Wirkung von Tieren auch wissenschaftlich bereits mehrfach nachgewiesen worden. Die Tagungsteilnehmer erhalten durch die Vorträge von Experten aus Wissenschaft und Praxis einen breiten Überblick über aktuelle Forschungsergebnisse und Methoden. So können sie sich Anregungen holen und die Tagung als Plattform nutzen, um ins Gespräch zu kommen und Erfahrungen auszutauschen.
 
Die Vorträge decken ein weites Themenspektrum ab – vom Nutzen von Tieren in Schulen, Seniorenheimen und Jugendhilfe bis zu tiergestützten Therapien für Suchtkranke, Demente, Autisten oder Hochbegabte. Was erhoffen Sie sich von der Veranstaltung?
 
Die  Spannbreite der Themen zeigt auch die Spannbreite des Einsatzes von Tieren. Uns geht es vor allem darum, Menschen aus Wissenschaft und Praxis zusammenzubringen und den Austausch zu fördern. Meiner Meinung nach gehen wissenschaftliche Erkenntnisse viel zu wenig in die alltägliche praktische Arbeit ein. Andererseits hören wir Wissenschaftler oftmals zu wenig darauf, welche Fragen die Praxis hat. Ein wichtiger Aspekt ist auch die Vorstellung innovativer Praxisprojekte: So können wir zeigen, was der Einsatz von Tieren ermöglichen kann. Und Anregungen geben, wo Tiere überall eingesetzt werden können – von der Logopädie über Psycho- und Physio- bis hin zu Ergotherapien. 
 
Haben Tiere im pädagogischen Bereich auch eine so große Wirkung?
 
Absolut. Untersuchungen zeigen zum Beispiel, dass Kinder in der Anwesenheit eines freundlichen Hundes motivierter lernen oder bei Lesetests bessere Leistungen erbringen. Auch die Atmosphäre im Klassenzimmer wird durch einen Schulhund angenehmer: Lautere Kinder beruhigen sich und die Ruhigen trauen sich mehr. Man weiß auch, dass Aggressionen deutlich abnehmen. Tiere können für Kinder und Jugendliche ein hervorragender Motivator sein, wenn man sie richtig einsetzt.
 
Was muss im Bereich der tiergestützten Therapie in den kommenden Jahren passieren?
 
Für sehr wichtig halte ich eine umfassende Professionalisierung. Damit meine ich nicht in erster Linie, dass tiergestützte Therapie ein anerkannter Beruf werden und von den öffentlichen Kostenträgern bezahlt werden soll. Sondern dass Tiere nicht funktionalisiert werden und tierethischen Überlegungen mehr Raum eingeräumt wird. Die Tagung versucht hier, mit einem Workshop zu Qualitätsstandards ein Zeichen zu setzen. Dabei treffen sich die Mitglieder der beiden internationalen Verbände ISAAT und ESAAT, die beide zu den Organisatoren der Tagung gehören, und besprechen drängende Fragen zum Beispiel zur Ausbildung von Mensch und Tier. Ich hoffe sehr, dass die Tagung dazu beiträgt, einen breiteren Konsens in vielen Fragen der tiergestützten Therapie und Pädagogik zu erreichen.
 
Eine persönliche Frage: Hat Ihre Hündin Ayla auch therapeutische Wirkung auf Sie?

 
Manchmal schon. Sie mag es gar nicht, wenn ich vor dem Computer sitze und mich aufrege. Dann kommt sie und legt mir die Pfote auf den Oberschenkel. Meist merkt man dann, dass es sich gar nicht lohnt, sich aufzuregen.